SONNE UNTER TRÜMMERN
EXPOSÉ
VON REBECCA HIMMERICH
 
 
Auf einer Reise durch Osteuropa begegnet die Autorin dreißig Jahre nach den Jugoslawienkriegen nicht nur den Überresten von Kriegsruinen und NATO-Einschlägen, sondern auch den emotionalen Spuren, die ein Großteil der Menschen dort immer noch in sich tragen.

Autorin: Rebecca Himmerich
Genre: literarische Reisereportage, Reiseerzählung
Zielgruppe: Leser:innen literarischer Reisereportagen, Interessierte an persönlichen & einfühlsamen Erzählungen über Regionen & Menschen, Leser:innen und Reisende, die sich für den Balkan und Osteuropa begeistern
Umfang: 210 Normseiten (ca. 300.000 Zeichen inkl. Leerzeichen)
Erzählzeit: Präsens
Erzählperspektive: Ich-Perspektive
Manuskriptstatus: Fertig
Schauplatz: die Balkanregion, von Budapest bis Istanbul
Vergleichstitel: Nadine Pungs – „Meine Reise ins Übermorgenland“, Stephan Orth – „Couchsurfing im Iran“

INHALTSANGABE

Dreißig Jahre nach den Jugoslawienkriegen scheinen die Spuren nicht immer sichtbar und dennoch alltäglich zu sein. Auf ihrem Weg durch das Herz des Balkans trifft eine Reisende auf Menschen, die vor dem Krieg fliehen, auf welche, die ihn vor dreißig Jahren erlebten und auf jene, die Urlaub machen in einer Region, die noch immer von ihm gezeichnet ist. Sie taucht ein in die persönlichen Geschichten und Blickwinkel der Einwohner, in die Atmosphären der Hauptstädte, in Vergangenheiten und Zukunftsvisionen. Ihre Beobachtungen und Erlebnisse verschmelzen durch ihre erzählerische Vorstellungskraft immer wieder zu traumanmutenden, fantastischen Bildern.
 
So verliert sich die Autorin in den glitzernden Labyrinthen der Ruin-Pubs von Budapest, erklimmt die skurrilen Bauten eines brutalistischen Belgrads, wandelt zwischen den Kriegsdenkmälern und der Subkultur Pristinas. Sie sucht im Hotel Jugoslawija den verlorenen Schlüssel zu Tito’s Zimmer, in Sarajevo die Grenzen der Republik Srpska und findet hinter den Bauzäunen Pristinas eine Jugend, die hart kämpfen muss, um sich von alten Strukturen zu befreien.
Sie trifft auf Milan, der mit sieben Jahren seine Mutter beschützte als die Erde aufgrund der NATO-Angriffe bebte. Auf Jasminka, die das alte Jugoslawien vermisst. Auf Ivan und Sascha, die auf der Flucht vor einem Krieg sind, den sie nicht aufhalten können. Auf Srdjan, der die grausame Belagerung Sarajevos miterlebte und auf Arna, die seitdem immer wieder Blumen sät. Auf Arbër, der als Kind aus dem Kosovo fliehen musste und bis heute zerrissen bleibt – zwischen seinem unbändigen Wunsch nach Frieden und dem nach Vergeltung.
„Sonne unter Trümmern“ bietet einen einfühlsamen und tiefgründigen Blick auf die komplexe Realität einer Region, die bis heute von Verlust, Hoffnung und der Suche nach Identität geprägt ist. Eine Welt, in der Enttäuschung und Aufbruchstimmung unfassbar nah beieinander liegen. Eine Welt, die genau jetzt Fragen und eine erschreckende Aktualität aufweist, wo wieder Krieg in Europa ist.
ZUR AUTORIN
 
Rebecca Himmerich ist Musikerin und Autorin mit einem Fokus literarische Reisereportagen und erzählende Formate. Sie studierte Musikwissenschaft und Kulturen und Gesellschaften Asiens an der Universität zu Köln sowie Musik und Medien an der Robert Schumann Hochschule Düsseldorf. Ihre Beobachtungen und Begegnungen mit der Welt verarbeitet sie seit jeher in Text und Sound.
 
Ihre immersive Rauminstallation „Zwischenraum“ (2017) wurde im Rahmen des Arte Festivals „Temps d’images“ im Tanzhaus NRW aufgeführt. Ihr Essayfilm „Kazbekistan – Die leuchtende Steppe“ erhielt den 2. Preis auf dem Visuals & Poetry Film Festival Wien 2021. Das Hörbuch „Kasbekistan – eine Reise durch die Plattenbausteppe“ (2021) wurde auf der Hörspielwiese Köln 2021 nominiert. Als Preisträgerin der Reihe „The Travel Episodes“ (Piper & Reisedepeschen) wurde ihr Reisebericht „Eine kleine Geschichte von einem Ort namens Balchasch“ im zugehörigen Buch veröffentlicht. Zudem produzierte sie das Radiofeature „Corona als Chance“ für WDR 5 – Neugier genügt und die interviewbasierte Podcastreihe „Heterotopia“ (2020-2022). In ihrem deutschsprachigen Singer-Songwriter-Projekt „Rycca“ (Label: 99 rockets records) verbindet sie ihre Musik mit der Performance ihrer Reiseberichte als Live-Hörspiel.

INHALTSVERZEICHNIS

I. Prolog
 

II. Budapest, Ungarn
Der Anfang – Die Inderin im Nichts von Europa
Budapest – Von Gulaschsuppe und Ruin-Pubs
Laurel – Und der Urururgroßvater im Käfig
Gellertbad – Signalstörung zwischen den Mosaiken
Adam – Der Tischfußballmeister einer anderen Galaxie
Budakeszi – Tränen und Kerzen für Unbekannte

III. Ljubljana, Slowenien
Ljubljana – Lebkuchenhäuser und Lampenschirm-Männer
Emil und Bea – Der Sprung in den Tanztornado

IV. Belgrad, Serbien
Jasminka – Zurück nach Jugoslawien
Belgrad – Wo die lilanen Kuscheltierhunde wohnen
Nilda – Wunderliche Energien
Goran – Der stille Protest vor dem Parlament
Novi Beograd – Brutalismus auf der anderen Seite der Save
Hotel Jugoslavija – Der Schlüssel von Zimmer 65
Block aus Beton – Träume vom Balkon
Sascha und Ivan – Nie mehr zurück
Milan – Das Kriegskind
Café Kozmetičar – Besuch einer alten Bekannten
Arion und Nicolas – Und sie bemalen die Leichen einer sterbenden Stadt
Selman – Die Feinde des Künstlers
Titos Blumenhaus – Trauer unter Männerhemden und Schweinshaxen
Eastern Gate – Das Tor zu Belgrad
Marco – Reset the past
Belgrad II – Unter der Sonne Beton
 
V. Sarajevo, Bosnien-Herzegowina
1992 – Auf der anderen Seite des Bildschirms
Srdjan – Kino im Krieg
Sarajevo – Österreich der Osmanen
Die gelbe Festung – Himmel hinter Ruinen
Historisches Museum von Sarajevo – Ausländer
Republik Srpska – Die gestrichelte Linie
Sumea – Wir sind Indien
Arna – Und immer wieder Blumen säen
 

VI. Kotor, Montenegro

VII. Pristina, Kosovo
Arbër I – Europa
Auf dem Mond – Die Herrschaft der dreieckigen Fliegen
Pristina – Zwischen Baden-Württemberg und dem Kosovo
New Born – Zwischen Serbien und Albanien
Arbër II – Schüsse hinter Windowcolor
Liburnia – Vom albanischen Adler und einer serbischen Niederlage
Betonkuchen und Zuckerhüte – Zur blauen Stunde in Pristina
Servis Fantazia – Neuanfang unter Strobo
Clemens – Keine toten Blumen
Visar – Rausch auf dem Mond
Arbër III – Zwischen Frieden und Vergeltung

VIII. Skopje, Nordmazedonien
Nordmazedonien – Ich bin dann schnell weg
 
IX. Sofia und Plovdiv, Bulgarien
Hadjidraganov’s Cellars – Am Rande des Fischschwarms
Tsveta – Wenn das Theater schweigt
Bahnhof Sofia – Die Richterin über Transport und Verrecken
 
X. Istanbul, Türkei
Der Geist vom Schwarzen Meer – Im Nachtzug nach Istanbul
Halkali – Weit weg von Istanbul
Safe to Go – Der Master of Creditcards
Im Fiebertraum – Der Jesus von der Moschee
 
XI. Die Rückkehr
Das Glück kommt zu denen, die lachen

LESEPROBE  – MANUSKRIPTAUSZUG

I. PROLOG
 
Plötzlich war Krieg in Europa. Und noch bevor ich mich versah, schien die Welt um mich herum noch absurder zu werden, als ich sie sowieso schon immer wahrgenommen hatte. Jemand erbrach mit zitternden Händen unsagbare Grausamkeiten in eine Kamera. Das erste mal seit vielen Jahren stand plötzlich das in Frage, was sich Europa jahrelang auf die Fahne geschrieben hatte und mir als Kind der Neunzigerjahre als stabiles, immer währendes Gut suggeriert worden war: Frieden. Doch nun schien das stolze Schiff, dass sich durch Demokratie, Rechte und Sicherheit behauptet hatte, erste Risse zu verzeichnen. Und auch etwas, was längst gekittet schien, keimte plötzlich wieder auf. Die Spaltung zwischen Ost und West.
Während die Nachrichten schlagartig voll waren, fühlte ich mich leer. Wusste nicht wohin mit mir und der aufkommenden Unsicherheit und Verwirrung. Doch je mehr Informationen ich in mich hineinstopfte, desto mehr drängte mich etwas nach draussen. War es das Geld, was ich zufällig gerade noch übrig hatte, angespart, weil ich meine immer wieder aufkommende Reiselust kenne? Die egoistische Sorge, vielleicht bald aus politischen Gründen genau das nicht mehr tun zu können?
Alles was ich im Vorfeld buchte, war der Zug nach Budapest. Durch die Balkanstaaten wollte ich im Grunde schnell durch, nur hier und dort ein kurzer Aufenthalt sollte es werden, kleine Stop-Overs auf dem Weg zu meinem eigentlichen ersten Ziel, Istanbul. Doch dann kam alles anders.
Auf dem Weg durch Osteuropa lernte ich Länder kennen, über die sich mein Wissen bis dato in Grenzen gehalten hatte. Denen ich noch nicht mal ihre Hauptstädte hätte zuordnen können. Auf einmal wurde mir klar, dass ich den östlichen Teil des Kontinents auf dem ich selbst lebte, im Grunde gar nicht kannte, geschweige denn seine Historie.
Genau drei Jahrzehnte sind es her, dass auf dem Balkan die Jugoslawienkriege herrschten. Bis zum Angriffskrieg auf die Ukraine der letzte Krieg in Europa seit dem 2. Weltkrieg. Ein Krieg, der das zuvor sozialistische Jugoslawien nach der Herrschaft von Tito in blutige Zeiten riss, die Menschen vor Ort plötzlich in Staaten, Religionen und Hass spaltete. Ein Krieg, den ich in meinem sorgenfreien Kinderzimmer der Neunzigerjahre nur in – für mich damals unverständlichen – Stichworten mitbekam und der sich in bestürzenden Nachrichtenbildern am Ende eines jeden Tages in meinem Kopf festsetzte.
Und nun war ich selbst hier. Fand Stück für Stück all die Begriffe wieder, die ich damals in meinem kindlichen Gehirn aufgeschnappt und niemals verarbeitet hatte. Milošević, NATO-Angriffe, Kosovo-Albaner, Belagerung, Sarajevo. Ich entdeckte Städte, die mit einzigartiger Architektur und Atmosphäre ihre Geschichte erzählen. Und traf auf Menschen, die in ganz unterschiedlicher Art und Weise von jener Geschichte geprägt sind. Manche von ihnen sehnen sich nach der Vergangenheit zurück. Andere sind von ihr traumatisiert. Und wieder andere glauben unerschütterlich an eine friedliche Zukunft.
Während ich durch die Erlebnisse und Perspektiven all dieser Menschen reiste, den Ruinen der NATO-Einschläge in Belgrad begegnete, auf das endlose Meer der weissen Kreuze auf den Hügeln von Sarajevo starrte und die seltsame Zerrissenheit zwischen dem immer noch gegenwärtigem Hass und dem Wunsch nach Frieden erfuhr, wurde mir plötzlich klar, wie sichtbar die Spuren der Jugoslawienkriege auch dreißig Jahre später noch sind. Wie nicht nur Ruinen und Einschusslöcher davon zeugen, sondern vor allem die Gedanken und Gefühle der Menschen, die all dies erlebten. Und dass der Samen dieses emotionalen und menschlichen Grauens gerade von neuem gesät wird – circa 1500 km nordöstlich. Meine Reise in die Vergangenheit wurde auf einmal auch eine Reise in die Zukunft – so erschien es mir jedenfalls.
Doch all diese Gedanken werden erst in mir aufkommen, als ich schon längst unterwegs bin. Am Anfang ist nur der blaue Zug nach Budapest, in den ich am Berliner Südkreuz einsteige. Mein erster Schritt in den östlichen Teil von Europa, der mir geographisch so nah liegt, und gefühlsmässig bis dato so fern, weil die Reisen meiner Kindheit Spanien, Frankreich, Italien hießen.
Es ist ein kalter Novembertag, als der Zug zögerlich los rollt.
Mein Freund steht am Gleis und winkt.
II. BUDAPEST, UNGARN
 
Der Anfang
– Die Inderin im Nichts von Europa –
 
Als ich aufwache, sitzt eine Inderin vor mir. Sie kaut Masala Chips und schaut aus dem Fenster direkt in die Nacht, unmittelbar ins Nichts von Europa. Ihre Augen sind zusammengekniffen, als würden sie da draussen nach irgendetwas suchen, was plötzlich genauso grell aufschreien könnte wie das Mamor des Taj Mahals in der Mittagssonne oder versammelter Sand an den heissen Tagen von Goa. Doch die Schwärze vor den Fenstern schluckt alles, und das sanfte TuckTuck des Zuges spannt sich allmählich um uns, verwickelt uns in Trance, wie eine geführte Meditation.

Wir sitzen in einem knallblauen Zug nach Budapest. Das Östlichste, was ich bisher von meinem eigenen Kontinent gesehen habe, ist Wien und das nur ganz kurz. Schon allein der Name der ungarischen Hauptstadt fühlt sich für mich an wie das Tor zu einer anderen Welt.
„Da ist eine Stadt, die zwischen zwei Welten liegt. Die alte Welt heisst Buda – und die neue Welt Pest. Dazwischen ein tiefer, dunkler Fluss, welcher die alte Welt von der neuen trennt. Und eine Brücke aus Licht, die beide verbindet“, erzählt die Harfenistin Deborah Henson-Conant in dem magischen Intro zu ihrem Song über die goldene Stadt. Und das Einzige, was ich jetzt noch tun muss, um genau dort anzukommen, ist in diesem knallblauen Zug durch das schwarze Nichts zu fahren, auf die andere Seite der Galaxie.
Die Frau vor mir ist Zahnärztin und hat eine eigene Praxis irgendwo im nördlichen Teil von Indien, wo die Männer Turbane tragen und der Geburtsort des fragwürdigen Modi’s ist. Auf dem Gang vor den kleinen Abteilen steht ihr Vater und blickt mit melancholischen Augen in die Dunkelheit der vorbei rauschenden Slowakei. Während das Tuck Tuck des Zuges ihn sachte von links nach rechts durch die Nacht schaukelt, flammt auf dem Schwarz vor ihm wie auf einer Projektionsfläche ein kleiner selbstgedrehter Film meiner Synapsen auf: Die Zugwände verfärben sich auch von innen plötzlich blau, vor den Fenstern erscheinen kleine Hütten, dazwischen Kühe, Hunde und Wasserkübel tragende Menschen. Auf einmal bin ich irgendwo zwischen Delhi und Goa, zwischen Chennai und Kalkutta. Zugreisende packen ihre Chapati aus, quatschen wild durcheinander, fragen, wo man her kommt, wo man hin will, und wieviele Kinder man hat. Kleinkinder klettern Schlafpritschen hoch, fallen runter, stehen wieder auf. Chai und Samosa werden angeboten, irgendjemand singt und irgendjemand knistert mit einer Tüte.
„Masala Chips?“, fragt die Zahnärztin gegenüber von mir und hält mir den Mix aus Gewürzen und frittierten Kartoffelscheiben hin. Regen peitscht aus der Dunkelheit gegen das Zugfenster, die Projektion meiner indischen Reise ist abgebrochen, die schreiende Stille Europas zurückgekehrt. Filmriss, irgendwo zwischen dem leerem Gang und den traurigen dunklen Augen des Zahnärztinnen-Papas.
„Er ist gelangweilt hier“, sagt die junge Frau, die meinem Blick gefolgt ist und lächelt dabei fast entschuldigend. „Er sagt, die Menschen hier in Europa reden nicht. In Indien hätte er auf einer solchen Zugfahrt schon mindestens zehn Freunde gemacht. Hier sei alles so still.“ Die Zahnärztin ist nicht alleine mit ihrem Vater hier. In den anderen Abteilen irgendwo verstecken sich ihre Mutter, ihr Bruder, Schwägerin und Baby, sie haben zwanzig Kilo Gepäck dabei, einen Reiskocher, Windeln, Instant-Suppen.
„Wir sind Jainisten, deshalb die Instant-Suppen“, erklärt sie die hohe Dosis an kulinarischen Vorbereitungen ihrer Familie. „Wir essen nichts, was mal gelebt hat. Also essen wir fast gar nichts. Eigentlich trinken wir auch keinen Alkohol.“ Kurz schaut sie, als würde sie das selbst alles absurd finden. Dann grinst sie. „Also wenn ich tatsächlich genauso leben würde, dann wäre ich ja ein Mönch“, fährt sie fort, „und die wollen möglichst schnell sterben, damit sie sich schneller mit Gott unterhalten können. Das ist nicht mein Plan“.
Die Masala Chips Tüte knistert erneut und die Zahnärztin zeigt mir Fotos von Rann of Kachchh, einem kulturellen Event in einer Salzwüste, nahe der Grenze zwischen Indien und Pakistan. Ein weisser Mond vor purpurfarbenem Himmel. Es ist der kleine Anfang meiner Reise, während der Papa der indischen Zahnärztin noch lange ins Nichts von Europa starrt.

IV. BELGRAD, SERBIEN
 
Jasminka
– Zurück nach Jugoslawien –
 
Jasminka hält mir die Tüte mit den Crackern hin. Ich habe es geahnt. Natürlich kann ich nicht nein sagen. Jasminka sitzt seit zehn Minuten im Bus neben mir und ich weiss noch nicht dass sie Jasminka heisst. Ich habe versucht so lange wie möglich den Platz neben mir frei zu halten, 9 Stunden Busfahrt von Ljubljana nach Belgrad, wenigstens das wollte ich mir sparen, dass noch jemand neben mir schwitzt oder Döner isst.
Doch als wir Zagreb, die kroatische Hauptstadt und danach die Stadt Slavonski Brod, direkt an der Grenze zu Bosnien, passiert haben, ist der Bus komplett voll. Jasminka steht neben mir und deutet auf den Sitzplatz. Ich räume meine Tasche weg. Ich merke, dass sie ein wenig englisch spricht aber ich bin so schlecht drauf, dass ich so tue, als würde ich keins sprechen und deute nur an, dass ich gerne am Gang sitzen möchte. Sie hat nichts dagegen und quetscht sich mit ihrer Tasche ans Fenster. Ich fühle mich schlecht aufgrund meines nicht gerade freundlichen Platzhirsch-Verhaltens. Dann knistert es.
Die Tüte mit den Crackern. Hätte mich jemand eben noch so angegrummelt, meine Cracker wären das Letzte, was ich mit dieser Person teilen würde. Nicht so bei Jasminka. Ich nicke ein wenig verlegen und mag mich weder dafür, dass ich so unfreundlich war, noch dafür, dass ich jetzt noch nicht mal meinen Style durchziehen kann und in der Lage dazu wäre, konsequent und muffelig Cracker abzulehnen. Ich will in die Tüte greifen, doch sie hält meine Hand auf, dann gibt es eine ganze Portion Cracker in die Hand, ein paar davon purzeln hinunter. Jasminka strahlt. Wir crackern vor uns hin während der Bus in gediegenem Tempo über die zweispurige Autobahn Kroatiens tuckert. Weite und grüne Felder ziehen an uns vorbei, noch immer hängen Blätter an den Bäumen, von November keine Spur. Mit jedem Cracker weicht mein Herz auf und die Morgen-Traurigkeit, die sich bei mir oft auch gerne bis zum Abend erstreckt, wird allmählich wie das Salzgebäck in mir von der Magensäure sachte weggeätzt. Ich greife noch mal in die Tüte und frage „Fährst du auch nach Belgrad?“. Das ist der Startschuss. Die restlichen sieben Stunden werden Jasminka und ich uns unsere Leben erzählen. Eigentlich mag ich es nicht so gerne, mein Essen zu teilen. Aber bei ihr mache ich jetzt natürlich eine Ausnahme und halte ihr die Dose mit meinen klein geschnittenen Äpfeln und Birnen hin. Sie ist ganz begeistert und genauso verlegen wie ich mopst sie sich immer mal wieder ein Stück Obst. Sie besuche ihren Neffen in Belgrad, habe einen Sohn, der schon viele Jahre in Freiburg lebt. Aber besucht habe sie ihn noch nicht, das sei viel zu weit weg. Sie wohne alleine, sagt sie, aber sie beschwere sich nicht, wer weiss was noch kommt.
An der Grenze zu Serbien müssen wir aussteigen. Wir stehen in der Schlange, unsere Pässe werden zur Ausreise kontrolliert. Dann steigen wieder alle in den Bus ein, fahren zehn Meter weiter, steigen aus und stehen wieder in der Schlange an. Serbien. Endlich bekomme ich meinen ersten Stempel in den Pass. Als wir da stehen und warten, frage ich Jasminka, ob sie lieber Jugoslawien mochte, oder die Situation so, wie sie jetzt ist. Sie sieht sich vorsichtig um. Dann zieht sie ihre Jacke ein wenig über den Kopf und flüstert mir zu: „Wenn du mich fragst, ich mochte lieber Jugoslawien. Ich habe ein bisschen Angst das zu sagen, denn es gibt viele Leute, die eine andere Meinung haben. Aber als wir noch in Jugoslawien lebten, gab es mehr Jobs und wir hatten auch weniger Probleme in unserem Alltag“.
Es geht weiter und der Bus reduziert seine Geschwindigkeit nochmal von Faultier-Modus auf Schneckentempo. Als er abbiegt, sehe ich kurz ein Panzerrohr vor uns. Ich wende meinen Kopf. Ein Schwertransporter schiebt gerade einen Panzer vor uns her. Es ist ein merkwürdiges Bild. Und während ich über all diese Köpfe vor mir im Bus schaue, wird mir plötzlich klar, wie viele Menschen hier den Krieg erlebt haben müssen.
„Ich war dreissig, als der Krieg anfing“, erzählt Jasminka. „Mindestens drei mal am Tag hörten wir den Alarm und rannten in den Bunker. Danach sind wir wieder nach oben gegangen, haben ganz normal weiter gearbeitet.“ Sie sagt in ihrem Ort Slavonski Brod seien damals 30 Kinder umgekommen. „Mein Sohn ging oft auf einen Spielplatz, der dreihundert Meter von unserem Haus entfernt war. Er war damals vier Jahre alt. An jenem Tag hatte ich ihm verboten, auf den Spielplatz zu gehen, ich hatte ein ungutes Gefühl. Es hatte wieder Alarm gegeben und viele der Kinder waren im Bunker gewesen. Jetzt wollten sie wieder raus, um ein wenig frische Luft zu schnappen. Sie liefen auf den Spielplatz. Dann explodierte eine Bombe.“ Jasminka wird blass und ihre eben noch so strahlenden Augen erstarren. „Wenn ich meinen Sohn heute nach dem Krieg frage, sagt er zum Glück, dass er sich an nichts mehr erinnern kann. Wir Menschen hier waren anders vor dem Krieg, weisst du. Es war ein anderes Lebensgefühl. Wir waren unbeschwerter, haben nicht so viel nachgedacht. Da war irgendwie .. mehr Leben .. in unseren Leben.“
Es ist spät geworden und der Himmel zerfließt fliederbis purpurfarben hinter den Feldern. Dieses mal bietet eine andere Knistertüte aus Jasminka’s Tasche Salzbrezel und Jasminka und ich knistern wieder selig vor uns hin, während draussen die Nacht den Tag übernimmt. Ich drehe mich nochmal zu ihr und entschuldige mich für meine Morgenmuffeligkeit, und dafür, dass ich den anderen Platz haben wollte. Sie guckt erstaunt, öffnet ihre Augen ganz weit. „Weisst du, ich habe mich gefreut. Ich liebe es, am Fenster zu sitzen. Heute Morgen war ich ein wenig nervös. So eine lange Reise und ich wusste ja auch nicht, wer neben mir sitzen wird. Aber jetzt freue ich mich, dass wir diese Reise zusammen gemacht haben.“
Es ist dunkel, als wir auf dem Busbahnhof in Belgrad ankommen. Eine wüste Plattenbau-Landschaft starrt uns an und das Stadtzentrum muss gefühlte Galaxien von uns entfernt liegen. Ich habe natürlich verpeilt, mir noch mittels mobiler Daten in der EU rauszusuchen, wo genau mein Hostel sich befindet und wie ich da nun hinkomme. Jetzt stehe ich auf diesem Schotterplatz ohne Internet, umgeben von Müll und kaputtem Teer, im dunklen Nichts, ausser tausenden Balkonen, die mich in dieser Novembernacht anfunkeln. Mühsam ziehe ich mein Gepäck aus dem Kofferraum des Busses, als mich Jasminka nochmal von hinten antippt.
„Ich freue mich, dir meinen Neffen vorstellen zu können!“, strahlt sie. Auch ihr Neffe, mit Glatze, Kippe in der Hand und einer riesigen Zahnlücke, grinst mich an und hält mir die Hand hin. Mir scheint, als müsse er kurz lachen über seine Tante, als sei es nicht das erste mal, dass sie auf einer Busfahrt ins Plaudern kam und unverhofft jemanden mitbringt. In der Dunkelheit wandern wir zusammen über die Landschaft aus Teer und Schutt, vorbei an einem beleuchteten, palastartigem Gebäude. „Das ist der alte Bahnhof“, erklärt Jasminka’s Neffe, „der ist nicht mehr in Benutzung.“
Belgrad. Die Hauptstadt Ex-Jugoslawiens. Sie muss tausend Architekten in Anstellung gehabt haben, um diesen Mix aus verschiedenen Epochen, Regierungen und Kulturen in ihren Häusern widerspiegeln lassen zu können. Zwischen ungestümem Verkehr protzen riesige Altbauten neben grauen Ostblockhäusern, Klimaanlagen und Rollläden hangeln sich an ihnen hinab. Die rote, knachsende und quietschende Tram, die sich durch all dies hindurch windet, wirkt wie aus einer anderen Zeit. Jasminka, ihr Neffe und ich fahren mitten hinein in das graue Spektakel, verschwinden zwischen gekachelten Türrahmen, säulenartigen Geländern, schiefen Regenrinnen und abertausenden Stromleitungen, die sich wie zur Beschwichtigung sachte über die turbulente Stadt wölben.
Hotel Jugoslavija
– Der Schlüssel von Zimmer 65 –
 
Es ist, als klammere sich der Blick seiner kleinen Fenster am Wasser fest, an dem einzigen, was hier in der ganzen Zeit wohl gleich geblieben ist. Als würde es die Gegenwart am liebsten ignorieren, sich ducken vor denjenigen, die planen, es vollständig abzureisen, die Spuren der altenZeit ein für allemal zu löschen. Tito ließ es damals als luxuriösestes Hotel von ganz Jugoslawien bauen, hier chillte er, mit seinen politischen und privaten Freunden. Bevor ich es betrete, ist in meinem Kopf bereits klar, wie das Hotel von innen auszusehen hat: Eine stattliche Rezeption. Ganz unsozialistische, großzügige Marmorflächen, mit rotem Samt bezogene Sessel, Kronleuchter an den Decken, Pagen in Uniform, ein überdimensionales Bild von Tito im Eingangsbereich, Cevapcici zum Frühstück und über allem der Staub der fünfziger Jahre. Doch schon direkt nach der Schiebetür zerplatzt der Traum vom goldenen Jugoslawien: Tito ist längst abgehauen. An der Stelle, an der sich einmal die Rezeption befand, ist jetzt ein Fastfood- Restaurant. Teile des Hotels sind mittlerweile ein Casino und zu anderen Besitzern gewechselt. Im Eingangsbereich, in dem sich die Garde des Sozialismus in Anzügen und schicken Kleidern traf, lümmeln ein paar Jugendliche mit ihren Smartphones auf Kunstledersofas. Zwei Zwanzigjährige in abgewetzten Jacken wollen ihre Gebühr nicht bezahlen, ihr Check-Out war vier Stunden zu spät. „Ihr müsst das bezahlen!“, sagt der Rezeptionist mit den traurigen Augen und der leisen Stimme, doch die beiden Boys latschen unbekümmert ihres Weges. Fast wirkt es, als manifestiere sich in dieser Szene ganz prägnant der Untergang dieses einst so edlen Hotels, von dem scheinbar nur noch der Marmorboden übrig geblieben ist.
Heute ist Hotel Jugoslavija eines der billigsten in Serbien. „Aber wir haben immer noch ein paar Möbel von damals“, sagt der Rezeptionist, als er mich in den großzügigen Flur mit Wendeltreppe begleitet, die zum Frühstücksraum führt. Er ist 26 Jahre alt, in Jugoslawien ist er noch nicht mal mehr geboren. Und doch wirkt er auf mich als gehören er und sein nostalgischer Blick zusammen mit der Wendeltreppe und dem Marmorboden zum verbliebenen Interieur dieses ehemaligen Wahrzeichens. „Viele berühmte Schauspieler:innen und Politker:innen haben hier genächtigt, Tina Turner, Muammar al-Gaddafi und Queen Elisabeth beispielsweise. Es war üblich, dass berühmte Persönlichkeiten auf ihrem Besuch in Jugoslawien hier zu Gast waren. Das Hotel war eines der Aushängeschilder des Landes“, erzählt er. „1969 wurde es unter Tito fertiggebaut. Zu diesem Zeitpunkt war es das luxuriöseste Hotel des gesamten Balkans. Es gab einen Pool und 880 Zimmer. Davon sind heute nur noch 133 Zimmer im Einsatz.“ Leider sei nicht nur die Anzahl der Zimmer geschrumpft, sondern auch die Qualität. Auch Hotel Jugoslavija wurde während der NATO-Anschläge getroffen und erst Jahre später wiedereröffnet. Bis heute ist der gesamte linke Flügel des Hotels und noch immer eine Ruine.
Hier oben im Frühstücksraum ist es ruhig. Hier atmet Hotel Jugoslavjia, besinnt sich auf seinen ursprünglichen Kern, schmökert zufrieden in der Vergangenheit. Hier oben scheint nichts weiter weg zu sein als lümmelnde Jugendliche, respektlose Zechepreller und heruntergekommenes Kunstleder. Weinroter Teppich zieht sich unter den fast schlichten Stühlen und Tischen entlang, und von der gesamten Decke funkelt und glitzert es auf uns herab. Goldene Pailletten schimmern von der Wendeltreppe bis zur Glasfront an der Donau, und all die Reste längst vergangenen Glanzes scheinen auf diesen Quadratmetern konserviert zu werden. „Wir haben noch ein letztes authentisches Zimmer von damals.“ sagt der Rezeptionist nach ein paar Minuten historischer Stille, „Alle Möbel original, der Teppich, die Bettwäsche.“ Er kratzt sich kurz am Kinn. „Es ist Zimmer 65, Tito’s Zimmer. Dort steht auch sein Sessel.“ Seine Augen funkeln kurz auf, als seien sie soeben von den Pailletten an der Decke inspiriert worden. „Doch die Schlüssel zu diesem Zimmer sind schon lange verschollen“. Und als würde er noch ein letztes Mal nach ihnen Ausschau halten, schweifen seine traurigen Augen sekundenlang über den Marmorboden.
V. SARAJEVO, BOSNIEN HERZEGOWINA
 
Srdjan
– Kino im Krieg –
 
„Sie hatten Sarajevo umzingelt, als der Krieg begann. Ich war 14 Jahre alt, war zusammen mit meiner Mutter, meinem Vater und meinem Bruder hier. Wir hatten von jetzt auf gleich kein fließendes Wasser, keine Heizung, kein Essen. Dann fielen die Bomben über uns herab.“ Es ist kalt in Srdjans Auto und die Fensterscheiben mittlerweile so sehr beschlagen, dass von hier drinnen die Lichter der Straßenlaternen wie Nebelscheinwerfer wirken. Zwischen meinen Füßen steht der Rest eines Sixpacks Dosenbier. Ich hatte den Bus hierher genommen, an den Stadtrand von Sarajevo. Musste mehrmals umsteigen und kleine Mädchen erklärten mir die Linien, die für mich weder auf Plänen noch im Internet zu erschließen gewesen waren. Das Ticket hatte 1 BAM gekostet, eine konvertible Mark und damit umgerechnet 50 Cent. Auch wenn sie hier eigene Münzen haben, ist die bosnische Währung tatsächlich angelehnt an die alte deutsche Mark.
Srdjan ist ungefähr so groß wie ich, etwas korpulent, hat braune Augen und eine Glatze. Von Anfang an ist die Stimmung irgendwie merkwürdig, unser Gespräch seltsam stockend, übersät von Pausen und leeren Blicken. Wenn er erzählt, schaut er mich selten dabei an. Seine Finger um die Bierdose geklammert starrt er ins Nichts. Nicht immer antwortet er direkt auf meine Fragen, oft weicht er aus und erzählt von seinem Beruf. Srdjan ist Filmregisseur. Seine Filme beleuchten Menschen und Situationen die er als ‚upsidedown‘ beschreibt. Filme über Dörfer, in denen es keine Frauen gibt. Oder Filme über westeuropäische Rentnerinnen, die in osteuropäische Länder immigrieren. Seine Dokumentationen laufen auf internationalen Filmwettbewerben, er wurde oft nominiert, bekam Preise. „‚Cinema under Siege‘“ heisst sein aktuelles Filmprojekt. „Es erzählt die Geschichte von einem entschlossenen bosnischen Filmemacher.“, sagt Srdjan, „Im Jahr 1993, anderthalb Jahre nach Beginn der Belagerung entschied sich dieser Filmregisseur zusammen mit ein paar Kollegen das erste Filmfestival in Sarajevo zu veranstalten. Die Leute fragten ihn: ‚Warum beginnst du ein Filmfestival mitten im Krieg?‘ Und er fragte stets zurück: ‚Warum ist Krieg inmitten unseres Filmfestivals?‘“. Der Regisseur deutet auf das Sixpack im Fußraum. Ich geb ihm das nächste Dosenbier. Er öffnet es und kippt es in schnellen Schlücken hinunter. Gleiche Geschwindigkeit wie eben.
Wenn man Sarajevo mit dem Bus erreicht, tummeln sich die Häuschen der Hauptstadt Bosnien-Herzegowinas friedlich und bunt zwischen dem Gebirge, schmiegen sich sachte an bewaldete Berge. Der Fluss Miljacka fließt durch das Zentrum, hier und da recken Moscheen ihre Medressen in den Himmel, lugen Hotels hervor, winken ein paar Kirchtürme. Doch schnell springen einem auch die weissen Kreuze ins Auge. In großen Flächen wachsen sie über die Hügel der Stadt, blitzen im Sonnenlicht. Im seltsamen Paradox zu ihrem friedlichen Weiss erzählen sie die Geschichte einer blutrünstigen Vergangenheit. Und genau die Berge, die sich heute wie ein Schutzwall um Sarajevo legen, wurden damals mit zum Verhängnis der Stadt. „Krieg bedeutet, nicht an die Zukunft zu denken. Krieg bedeutet, Tag für Tag zu überleben. Es gibt kein fließendes Wasser mehr, also gehst du mit deinem Kanister zum nächsten Brunnen und wartest in der Schlange um ihn mit Wasser zu füllen. Wenn es regnet, läufst du hinter die Häuser um den Regen aufzufangen, der aus den Rinnen tropft. Du versuchst irgendwo noch Holz zu finden, um in der Wohnung Feuer zu machen. Das ist Krieg. Das ist Belagerung. Belagerung bedeutet, du kannst nicht fliehen, du kannst nirgendwohin. In diesem Moment gibt es keine Zukunft.“
Es ist Anfang der Neunzigerjahre, als sich erst Slowenien, dann Kroatien für unabhängig von Jugoslawien erklärt. Schließlich spricht sich im April 1992 auch eine Mehrheit der Bosniaken und Kroaten für die Unabhängigkeit Bosnien-Herzegowinas aus. Auch hier ist die Bevölkerung divers. Bosnien-Herzegowina besteht damals wie heute aus hauptsächlich drei verschiedenen Ethnien, die sich auch religiös voneinander unterscheiden: Muslimische Bosniaken, Christlich-Orthodoxe Serben und Katholische Kroaten. Und so kommt es, dass in diesem Fall die serbischen Politiker:innen eine andere Meinung haben und die Abstimmung über die Unabhängigkeit boykottieren. Stattdessen rufen sie im eigenen Land die Republika Srpska aus. Die Lage eskaliert. Am 5. April 1992 belagern bosnisch-serbische Truppen unter ihrem Anführer Ratko Mladic die Hauptstadt Sarajevo. 1425 Tage ist die Stadt komplett umzingelt und wird Schauplatz grausamster Kriegsverbrechen. Alle Seiten begehen Verbrechen. Doch vor allem für die Bosniaken wird dieser Krieg zu einem Massaker, da die Serben sich zum Ziel gesetzt haben, ganze Gebiete ethnisch zu säubern. Die Hälfte der gesamten Bevölkerung Bosnien-Herzegowinas wird während dieser Zeit in die Flucht getrieben. Und der Rest der Welt schaut lange einfach nur zu.
Sdrjan starrt auf die Windschutzscheibe, auf die der Nieselregen kleine Punkte sprenkelt. „Ich bin in Jugoslawien geboren. Ich war Jugoslawe. Doch als sie den Krieg ausriefen, schien es plötzlich sehr wichtig zu werden, nicht mehr einfach Jugoslawe zu sein. Wir begannen alle herauszufinden, was unsere eigentlichen Wurzeln sind. Mein Vater stammte plötzlich aus einer serbischen Familie, meine Mutter aus einer kroatischen. Vorher hatten wir uns nie Gedanken darum gemacht. Da wusste ich dann auch nicht mehr, wer oder was ich bin.“ Auch dreißig Jahre später scheint sich dieses Gefühl in Srdjan nicht wirklich verändert zu haben. „Ich glaube nicht, dass ich einen persönlichen Bezug zu meinem Heimatland habe. Ich hätte gerne einen, aber wir sind noch nichtmal Teilnehmer der Fußball-WM. Wir haben uns nicht qualifiziert.“, er grinst. „Es ist schwierig für mich, etwas über dieses Land zu sagen. Das Einzige was ich sagen kann, ist, dass ich nicht glücklich aufwache. Es gibt hier keine Möglichkeiten. Ich mache Filme hier, doch die Awards gewinne ich im Ausland.“
Srdjan erzählt mir, dass auch heute noch bis zu 30 000 Menschen jedes Jahr die Stadt verlassen. Im Moment habe Bosnien-Herzegowina 3 Millionen Einwohner:innen, das sei weniger als in Berlin. „Wir haben drei verschiedene Präsidenten in Bezug zu gerade mal 3 Millionen Bürger:innen“, sagt er, „von allen Steuern, die wir im Staat sammeln, gehen siebzig Prozent zu den Menschen, die vom Staat angestellt sind. Das ist nicht meine persönliche Meinung, das sind Statistiken.“ Die beschlagenen Fenster und das Licht der Straßenlaternen haben sich zu einem impressionistischen Gemälde verwoben. Srdjan ist mit mir in seine Welt abgetaucht und doch baut er zwischendrin immer wieder eine seltsame Distanz auf. Über den Krieg spricht er fast nüchtern, redet er über seinen Beruf, wird es manchmal so emotional, dass ich still werde. Ganz plötzlich wechselt er von Traurigkeit in Witz, von einem lauten Grinsen in Sarkasmus und Absurdität. „Vielleicht“, sagt Srdjan plötzlich, „dürfte uns einfach niemand mehr fördern. Damit wir bankrott gehen. Damit wir diesen Staat von vorne, von ganz unten wieder aufbauen. Genau das ist es, was ich zu unserem Botschafter in New York sagte, als er zu meiner Filmvorführung kam. Er schaute mich entsetzt an: ‚Aber dann würde ich ja gar keinen Gehalt mehr bekommen‘, sagte er. Das war das einzige, worum er sich Gedanken machte. Sein Gehalt. Ich sagte zu ihm: ‚Dass ist genau das, worüber ich rede!‘ Wir brauchen keine Botschafter, wir brauchen niemanden. Wir müssen das Land ganz alleine wieder aufbauen. Oder vielleicht sollten wir den nächsten Krieg beginnen? Immerhin sind wir berühmt dafür, dass hier der erste Weltkrieg begann. Wir brachten Franz Ferdinand um, wir zerstörten die Monarchie Österreich-Ungarns. Wir könnten also Krieg anzetteln gegen jemanden, der sehr viel stärker ist als wir. Dann würden sie uns besetzen und uns regieren. Vielleicht würde uns das Struktur geben?“ Für einen Moment lang hat das Grinsen in Srdjans Gesicht wieder die Oberhand gewonnen, in Sekundenschnelle erstarrt es zu einer Grimasse, kann sich nicht entscheiden zwischen Zynismus und Verzweiflung.
Noch immer kauern wir auf den Sitzen. Zwischen meinen Füßen das letzte Bier. Ich bin beeindruckt von Srdjans Mut, Filme zu machen, von seinem Wunsch, Geschichten zu erzählen, seinem Anspruch, damit die Welt ein wenig verändern zu können, wie er sagt. Und gleichzeitig wirkt diese Welt von der er spricht, plötzlich so seltsam klein. Hier in diesem Auto bei Nacht, am Rande von Sarajevo, hier, wo es keine Screenings, keine Awards gibt, nur Nieselregen und Dosenbier. „Kunst macht kein Brot“, sagt Srdjan, „aber Kunst schafft es, Kräfte zu bündeln und etwas zu erschaffen, was vorher bloß ein Traum ist. Und sie hilft dir, dich zu verändern. Wenn Kunst die Kraft hat, deine Emotionen zu verändern oder dich zum Nachdenken anzuregen, wenn sie es schafft, dich von der harten Realität zu befreien, dann ist sie etwas, was dein Leben bereichert. Sie kann Grenzen öffnen.“ Srdjan wünscht sich, dass sein Filmprojekt ‚Cinema under Siege’ eine Inspiration wird. „Ich will zeigen, dass Kunst wichtig ist. Dass es mit Hilfe von Kultur und Filmen einfacher ist, einen Krieg zu überleben. Und ich möchte den tapferen Künstler:innen Tribut zollen, die trotz eines Krieges weitergehen.“ Nicht so viel Verschmutzung im nächsten Winter, sagt Srdjan knapp, als ich ihn frage, was er sich für Sarajevo wünscht. Und für die EU, dass alle Grenzen verschwinden sollen. „Die Leute nennen mich einen Kommunisten, wenn ich sage, dass alle Menschen gleich sein sollten, wie in dem Song von John Lennon. Wir sollten nicht darüber nachdenken, ob wir Serben oder Kroaten oder Bosniaken sind. Wir sollten unsere Namen löschen, damit wir nicht mehr wissen, wer wir sind. Damit wir keine Urteile mehr auf Basis von Nationalität und Religion fällen können. Damit nur der Wert des Menschen an sich zählt. Das wäre die Welt, die ich mir wünschen würde.“
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